„Ich sage meine Meinung nicht, auch wenn die Klient*in fragt.“
Selbstbestimmung ist gut. Keine Frage. Und sie ist die Basis unseres pädagogischen Handelns. Doch welche Spannungsfelder stehen hinter diesem Begriff und was bedeutet das für die Arbeit von Mitarbeitenden in der Eingliederungshilfe?
Der Abend mit dem Sozialpädagogen und Speaker Stefan Mantel aus Berlin versprach spannend und kontrovers zu werden. Energiegeladen, methodisch sehr vielseitig und digital leitete Mantel die rund 70 Besucher*innen, teils Mitarbeitende von Leben mit Behinderung Hamburg, aber auch von anderen Trägern durch gut zwei Stunden Vortrag, der zum Reflektieren anregte.
Ziemlich deutlich zeigte Stefan Mantel auf, dass es bei der Selbstbestimmung nicht um die Meinung der Unterstützer*innen, also der Mitarbeiter*innen, geht, sondern dass ihre Rolle die der Assistenz ist. Eben Unterstützung darin, das selbst gewählte Ziel, zu erreichen. Dieses Spannungsfeld veranschaulichte er durch ein Fallbeispiel.
Ein Klient, bittet um Unterstützung beim Einkauf von Kondomen. Diese braucht er, um während des Urlaubs seiner Partner*in und WG Mitbewohner*in, sexuelle Erfahrungen mit einer anderen Klientin zu machen. Moralisch eingeordnet: Er will fremdgehen. Mantels kleine digitale Umfragen zeigten, fast alle der Anwesenden wollten gern mit dem Klienten über das Fremdgehen sprechen. Aufgehängt an diesem Beispiel wurde deutlich: Unsere Moral und Haltung hat bei der Selbstbestimmung keine Stimme. Es geht um die Klient*in, nicht um uns. „Sie sind keine Erzieher*innen“, ruft Mantel mehrfach dem Publikum zu. „Ich sage meine Meinung nicht, auch wenn du mich danach fragst.“ Das sei eine Gradwanderung. „Denn wir sind keine moralische Instanz.“ Und wir müssen uns immer wieder fragen: „Was ist Beratung? Was ist Manipulation und Einflussnahme?“
Stefan Mantel spricht bei der Selbstbestimmung auch von einem flexiblen Rahmen, der so viel Spielraum wie nötig und so viel wie möglich bieten solle. Denn wenn Selbstbestimmung zu Selbstgefährdung wird, dann muss dieses reflektiert, verhindert und hinter das Verhalten der Klient*in geschaut werden.
Ein weiterer Aspekt, der die Akzeptanz und Unterstützung der Klient*innen für Mitarbeitende oft schwierig macht, ist die Stimme der Eltern. Denn ihre Vorstellungen können ganz andere sein, als die ihrer Kinder (Wer kennt das nicht von seinen eigenen Eltern?). Gerade in einer Organisation wie unserer, deren Basis die Angehörigen sind, kann das zu Konflikten führen. Doch auch hier ist Stefan Mantel ganz klar: Wenn wir Selbstbestimmung wollen, zählt der Wille der Klient*in. „Aufträge von Eltern, die nicht der Selbstbestimmung der Klient*in entsprechen, dürfen Mitarbeitende nicht annehmen.“
Mehr über Stefan Mantel, auch die Anmeldung zu seinem newsletter. gibt es auf seiner Homepage.

