Titelthema Südring Aktuell

Selbstvertretung und Eltern - Emanzipation vom Schulalter an

Mehr Mut wagen

Wenn Kinder ihr Leben in die Hand nehmen

Dass Kinder und Eltern nicht immer die gleichen Pläne für die Lebensgestaltung der Kinder haben, liegt auf der Hand. Das betrifft Eltern von Kindern mit und ohne Behinderung. Doch fällt es Letzteren, so mein Eindruck, deutlich schwerer, ihren Kindern etwas zuzutrauen. Während meiner Tätigkeit für Südring Aktuell habe ich viele Familien besucht – und sie alle eint die Sorge, wie ihre Kinder ohne sie ein gutes Leben führen können. Die meisten Kinder aber waren neugierig und bereit, ihren eigenen Weg zu gehen, der nicht immer mit den Plänen der Eltern übereinstimmte.

Einen meiner ersten Artikel für den Südring Aktuell, damals noch für die Rubrik „Ein Besuch bei …“, schrieb ich 2009 über ein Ehepaar, dessen Sohn gegen den Widerstand der Eltern ausgezogen war. Die Eltern konnten sich das gar nicht vorstellen: „Unser Sohn lebt selbstständig in einer ambulanten Wohngruppe? Nein!“ Sie versuchten, ihm zu demonstrieren, dass er das nicht könne, und stellten ihm Aufgaben im Haushalt. Zum Beispiel selbstständig Wäsche waschen. Und der Sohn zeigte: „Ich kann das.“ Ganz selbstverständlich wusch er seine Wäsche – und zog aus. Rückblickend sagten die Eltern: „Auch wir haben ihm zu wenig zugetraut“, und rieten anderen Eltern, auf ihre Kinder zu hören, denn am Ende waren sie wahnsinnig stolz auf ihren Sohn. 

Oder unser wunderbarer FSJler: Er sitzt im Rollstuhl und hatte kurz nach seiner Führerscheinprüfung das Auto seiner Eltern zu Klump gefahren. Die Eltern waren in Sorge, auch wenn ihm nichts passiert war, und sagten erst einmal, es gebe jetzt kein neues rollstuhlgerechtes Auto. Er aber suchte sich eine Fahrschule mit für ihn passenden Autos und investierte sein FSJ-Gehalt in Fahrstunden, um am Ball zu bleiben. Zum Ende des FSJs gab es auch wieder ein umgebautes elterliches Auto …

Vor ein paar Wochen erst sprach ich mit einer Kollegin, deren Sohn, mit hohem Unterstützungsbedarf, mit seiner Freundin eine Reise machen wollte. Obwohl ihr der Wunsch und Wille des noch zuhause lebenden Sohnes sehr wichtig sind, war ihr doch mulmig zumute. „Können die das überhaupt?“ „Kriegt er die Assistenz, die er braucht?“ „Was ist, wenn er krank wird?“ Ich kann mir gut vorstellen, dass all diese Fragen besorgte Eltern quälen und durchaus berechtigt sind. Aber die Kollegin traute sich, loszulassen und zu vertrauen, ihrem Sohn, den Mitarbeiter*innen des Reiseveranstalters, der Freundin des Sohnes. Mutig – oder? Das war sicherlich nicht leicht. Aber sie wurde belohnt. Von einem glücklichen Sohn auf Instagram-Bildern, der so viel selbstständiger ist, als es sich die besorgten Eltern vorstellen können. Auch die Freundin spielte eine wichtige Rolle, da sie in der Lage war, nachts den Mitarbeitenden Bescheid zu sagen, wenn etwas nicht so lief, wie es sollte. Und am Ende: hatten die Eltern ein paar entspannte Tage für sich und Sohn und Freundin ein tolles Reiseerlebnis.

Das zeigt uns doch, dass es sich lohnt, mutig zu sein und den Kindern, mit und ohne Behinderung, mehr zuzutrauen. Die wissen nämlich oft gut, was sie können und was nicht. Und wenn wir ehrlich sind, ein bisschen Selbstüberschätzung gehört ja auch zum Jungsein dazu. Wo wären wir heute, wenn wir damals nicht mutig gewesen wären?