Titelthema Südring Aktuell

Unsere beste Idee: die Sozialeinrichtungen

Von Fünfhausen in den Südring

Die Sozialeinrichtungen zwischen Chaos und Kompass

Am 1. Januar 1975 wurde die Kurt-Juster-Heim-Gesellschaft für spastisch gelähmte Kinder mbH als Tochtergesellschaft des Hamburger Spastikervereins e. V. gegründet. Seit 1996 heißt die Organisation Leben mit Behinderung Hamburg Sozialeinrichtungen Gemeinnützige GmbH und hat 2025 ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. Aus ursprünglich drei Heimen (Meta-Martin-Kindertagesheim/Reinbek [gegr.: 1970], Kurt-Juster-Heim/Bönningstedt [1973], Kindertagesheim Roter Hahn/Hamburg-Berne [1974] mit rund 50 Kindern und 29 Mitarbeiter*innen ist eine komplexe Organisation mit etwa 1.200 Mitarbeiter*innen sowie über 80 Einrichtungen und Angeboten für rund 1.500 Klient*innen in ganz Hamburg geworden.

Nur wenige Menschen haben diese Entwicklung über Jahrzehnte begleitet. Zu ihnen gehören Christian Lührs, Vorstandsvorsitzender von Leben mit Behinderung Hamburg Elternverein e. V., und seine Schwester Ulrike, Bewohnerin des Hildegard-Schürer-Hauses im Südring 36. Beide erinnern sich lebhaft an die Anfänge: Im Oktober 1978 eröffnete mit Seehof Fünfhausen die erste Wohngruppe der Kurt-Juster-Heimgesellschaft in den Vier- und Marschlanden. Das reetgedeckte Fachwerkhaus bot Platz für zehn Menschen mit Behinderung, darunter Ulrike Lührs. 

Das Wohngruppen-Konzept war ein Experiment: Menschen mit komplexer Mehrfachbehinderung hatten damals kaum eine Wohnperspektive außerhalb des Elternhauses und waren daher meist in Kliniken oder Heimen untergebracht. Christian Lührs, damals Zivildienstleistender in der Tagesstätte Ilse Wilms am Mittelweg 178, erinnert sich schmunzelnd: „Fünfhausen war Chaos pur, eingelaufene Wollpullover, verfärbte Unterwäsche und Kühlschränke mit fragwürdigem Inhalt.“ 

Für Familie Lührs war Fünfhausen daher eine Übergangslösung für ein visionäres Bauprojekt. Dieses wurde vom Vorstand vorangetrieben, u. a. von Dr. Hans J. Lührs, dem Vater der beiden und damaligen Vorstandsvorsitzenden, und von der Regierungsdirektorin Hildegard Schürer unterstützt. Ende 1982 stellte die Kurt-Juster-Heimgesellschaft den Südring 36 fertig. 39 Menschen mit Behinderung sowie die Tagesförderstätte Ilse Wilms und die Geschäftsstelle zogen ein. „Im Grunde hat der Vorstand für seine Kinder gebaut“, sagt Christian Lührs. Für die Familien sei dies ein großer Schritt hin zu einer akzeptablen Wohnform für ihre erwachsenen Kinder gewesen.

Ulrike Lührs lebt bis heute im Hildegard-Schürer-Haus, engagiert sich in der Interessenvertretung und schreibt zu behindertenpolitischen Themen. Unterstützung erhält sie von Mitarbeiter*innen, die auf Grundlage des personenzentrierten Fachkonzepts „Mein Kompass“ die Individualität der Klient*innen stärken. Für Christian Lührs markiert die Personenzentrierung eine neue Entwicklungsstufe der Sozialeinrichtungen. Sie folgt auf die Anfangsjahre und die Phase der Professionalisierung mit festen Zuständigkeiten, Dokumentation und Qualitätssicherung.

Was bleibt, ist eine von Angehörigen und Klient*innen getragene Grundhaltung, die Konflikte zwischen Verein und Sozialeinrichtungen aushält – Konflikte, etwa zu der Frage, wo Betreuung endet und wo Bevormundung anfängt. „Diese Haltung hat dazu geführt, dass Leben mit Behinderung Hamburg nicht nur lokal gute Arbeit leistet, sondern auch bundesweit anerkannt ist“, resümiert Christian Lührs