Titelthema Südring Aktuell

Der Elternverein
Frauen im Fokus
Zwischen Vorstandsarbeit, Familienalltag und neuem Aufbruch
Ohne Kurt Juster und die Generation um Dr. Hans J. Lührs wäre der Elternverein von Leben mit Behinderung Hamburg in seiner heutigen Form kaum denkbar. In dieser Zeit galt das Bild vom Mann als „Macher“ – bei dieser Erzählweise hatten Frauen traditionell keinen Platz. Zwar engagieren sich statistisch betrachtet heute mehr Frauen ehrenamtlich im sozialen Bereich, doch in den Vorständen dominieren weiterhin Männer. Von Clarita Lührs, Ehefrau von Hans. J. Lührs, ist der folgende Satz überliefert: „Wir Frauen gründen den Verein der Vereinsgeschädigten.“ Gemeint war wohl auch: Frauen blieben im Verein lange unsichtbar.
Wie ist es heute? Zwei Frauen geben darauf sehr unterschiedliche Antworten.
Lydia Steinfatt, 69 Jahre alt, kam 1989 aufgrund einer akuten Lebenssituation zum Verein: Ihr Sohn Tim wurde mit einer schweren Behinderung geboren. Er war drei Jahre alt, als sie beim Elternverein Hilfe suchte. Ein Jahr später saß sie bereits im Vorstand.
Was folgte, war ein Novum: „Zum ersten Mal in der Geschichte des Vereins waren wir vier Frauen im Vorstand.“ Über viele Jahre arbeiteten sie gleichberechtigt mit vier Männern zusammen. Einfach war das nicht. „Die Männer mussten sich darauf einlassen, dass wir andere Perspektiven haben“, sagt Lydia Steinfatt. Während erstere bereits erwachsene Kinder hatten, standen die Frauen mitten in der intensiven Phase der Pflege und Betreuung ihrer Kleinkinder. „Das waren ganz neue Probleme, die auf den Tisch kamen.“
Für Lydia Steinfatt war das eine enorme Doppelbelastung. Als alleinerziehende Mutter war sie rund um die Uhr gefordert. „Deshalb war für mich die Vorstands-arbeit auch eine kleine Flucht von zuhause.“ Gleichzeitig bot ihr der Verein Halt: „Wir Frauen hatten ähnliche Probleme – das war an erster Stelle wichtig.“
Ein ganz anderes Verhältnis zum Verein hat Eva-Maria Nemetz. Sie ist Mitglied, aber nicht aktiv, ihr Mann Rainer Nemetz engagiert sich im Vorstand. Sie selbst war bis vor ein paar Jahren ehrenamtliche Schöffin am Jugendgericht. Ihr Leben ist dennoch eng mit den Themen des Vereins verbunden. Ihr Sohn Nicolas ist aufgrund einer Tetraspastik auf den Rollstuhl angewiesen. Die Balance zwischen ihm und seiner Zwillingsschwester Anna-Maria sei eine große Herausforderung gewesen, verrät Eva-Maria Nemetz. „Das war ein ganz schwerer Weg.“ Oftmals musste die Tochter zurückstehen, was Eva-Maria Nemetz rückblickend bedauert.
In allem das Beste zu sehen und das Beste daraus zu machen, ist ihr Lebensmotto. Wenn Eva-Maria Nemetz über ihre Kinder spricht, ist Stolz in ihrer Stimme: die Entwicklung ihres Sohnes, sein selbstbestimmtes Leben in seiner WG am Fischmarkt und die Arbeit in einer Musikwerkstatt. Ihre Tochter ist Model, Schauspielerin und Sängerin.
Anders als frühere Generationen lebt die 71-Jährige ein Leben jenseits klassischer Rollenbilder: Nach ihrer Arbeit als Pharmareferentin startet Eva-Maria Nemetz, inspiriert von ihrer Tochter, mit 67 als Model eine zweite Karriere. „Das Modeln hat mir eine neue Welt eröffnet – sichtbar zu sein und wieder Leichtigkeit zu spüren, das hatte ich viele Jahre nicht.“


